Montag 6.6.2077 - Cloud Peak Wandergebiet - 22 Uhr*
Langsam parkte der Wagen von Keziah und Jazz auf dem kleinen verlassenen Wanderparkplatz auf dem außer ihrem nur ein einzelnes weiteres Fahrzeug steht. Die Türen des benachbarten Fahrzeugs öffneten sich und eine schwarzhaarige Menschin in dunkelroter Lederjacke schwang sich heraus. Aus der Fahrerseite stieg eine ernster dreinblickende ältere Frau mit kurzen dunkelbraunen Haaren mit rotstich. Ihre ernste Mimik konnte nicht mit den warmen braunen Augen die sie Ben vererbt hatte mithalten.
Beatrice Kendall ergriff das Wort, als Keziah und Jazz ausstiegen: “Alyza hat mir erzählt was ihr vorhabt. Ich werde euch begleiten. Persönlich sehen auf was für einen Quacksalber du und Benjamin euch damals eingelassen habt.”
Keziah rollte mit den Augen.
“Verwunderlich genug, dass ein freier Geist bereit dazu ist sein Mana mit einer Blutmagierin zu teilen.” Beatrice Kendall zog einen Regenschirm aus dem Kofferraum.
“Das ist so noch nicht gesagt. Alyza bat mich um eine Chance bei ihm vorsprechen zu dürfen. Einige seiner letzten Deals haben sich erledigt. Es ist ein günstiger Zeitpunkt.”
Wenn Jazz es nicht besser wüsste, würde sie behaupten die goldenen Augen der Magierin mit roter Hautfarbe würden im dunkeln leuchten als sie auf einen kleinen Trampelpfad ein Stück den Berg hoch verwies. “Dort hinauf ist ein alter Stollen. Eine ehemalige Goldmine. Da drin manifestiert er sich. Ungesehen von den aufdringlichen Behörden.”
Die Gruppe Frauen setzte sich in Bewegung, im dunkeln den ausgetretenen Pfad hinauf.
“Wie geht es meinem Sohn, Keziah? Ich muss mal wieder etwas anderes hören als Alyzas aufgeregtes Geplapper was sie alles macht wenn ihre Magie zurück ist.”
“Ben geht es ausgezeichnet.” sagte Keziah bedacht und ruhig.
Trotz dessen konnte sich Jazz kein kichern verkneifen.
Der Anblick als sie heute Nachmittag in Keziahs Zelt gelaufen war und dort einen doch recht nackten Ben Kendall antraf der sich schneller unsichtbar zauberte und sie beim hinauslaufen noch anrempelte als Keziah die Augen rollen konnte war zu schräg gewesen.
Alle drei Frauen vor ihr wandten sich ruckartig um. Kurz wurden ein paar Blicke ausgetauscht, überwiegend wischen Bens Mutter und Keziah. Dann rollte Beatrice Kendall theatralisch mit den Augen. “Geht das schon wieder los. Ich dachte er trauert seiner Feuergeistin hinterher.”
“Sex ist auch eine Form der Trauerbewältigung!” tönte FiFi und erntete dafür von Keziah einen ebenso bösen Blick wie Jazz zuvor.
“Deine Form des Wicca ist immerhin näher an meiner Form des Wicca als das was er da mit seinen lächerlichen Spielkarten macht.” Erwiderte Ms. Kendall trocken und wies auf den Eingang eines Höhlensystems bei dem Keziah nickte.
“Was müssen wir tun damit er erscheint?” fragte FiFi als sich vor Keziah und Beatrice eine leuchtende Kugel manifestierte die die Sicht in der Höhle erleichterte.
“Nichts. Er kommt sobald wir da sind.” Keziah wandte sich einem der Höhlenflügel zu. In der Höhle war es feucht und roch modrig. Jazz sah noch zurückgelassene Minenarbeiter Utensilien und hatte den Verdacht irgendwo eine Ratte quietschen zu hören.
“Er manifestiert sich selbst? Ein starker Geist.” Die leuchtende Kugel von Beatrice Kendall flog jeden Winkel ab um Überraschungen und Hinterhalte zu vermeiden.
“Es ist der Geist von Aleister Crowley. Natürlich ist er stark.” Keziah drehte sich Bens Mutter zu.
“Großartig. Der Geist des Mannes der dachte ein Orgasmus sei die Triebkraft aller magischen Energie [No Joke. Steht so in seinem Wiki :D] gibt vielleicht unserer mal-mal nicht drogenabhängigen Blutmagierin ihre Kräfte zurück. Ich bin gespannt ihn zu treffen.”
”Aber Aber!”
Mitten im Raum ertönte eine sonore und hallende Männerstimme als aus einem tiefen dunkelroten Leuchten ein Mann in seinen 40ern heraustrat. Er hatte hohe Geheimratsecken und trug einen abgewetzten aber schicken Anzug.
Die Frauen traten unweigerlich an den Rand der kleinen Höhle zurück. Was FiFi und Jazz nicht sehen konnten war ein faszinierendes Schauspiel auf der Astralebene bei dem mythische und satanistische Runen mit Symbolen des Reichtums umeinander tanzten als der Geist sich manifestierte.
“Meine liebe Betty! Du wirst doch nicht vergessen haben dass wir uns schon getroffen haben! Ich dachte unsereins vergisst nicht. Damals 1968 in Hollywood als ich auf der Spahn Ranch beschäftigt war?Aber bei all den Jahren die du schon durch dieses Land reist, muss das wirklich unübersichtlich sein. Welcher Präsident war dein liebster? Muss schwierig sein wenn man alle miterlebt hat.”
Jazz zog die Brauen hoch und wollte sich verwundert nach Bens Mutter umdrehen, aber FiFi hielt sie mit einem Arm zurück.
“Ich erinnere mich an dich.”
Jazz wusste nicht ob ihre Sinne verrückt spielten oder ob Bens Mutter plötzlich wirklich ein älteres puritanisches Gewand trug. Das klappern der kleinen Fläschchen mit Telesma an ihrem Gürtel und das blaue Leuchten in ihren Augen lösten in Jazz die Panik aus, dass das was da geschah real war. Um ihren Hals lag eine alte modrige Schlinge die Schlapp an ihr herunter hing.
Der Kopf des Geistes wandte sich langsam in Keziahs Richtung. “Aber du wolltest mich bestimmt nicht treffen um mich mit deiner Schwiegermutter in Spe zusammenzubringen oder?” Der Geist konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. “Grüß den süßen Benny von mir. Sag, hast du dem kleinen Mädchen, dass mit dir rumreist und dich am liebsten Mommy nennt eigentlich mal gesagt, dass du ihre selbige getötet hast um Ben zu retten? Und so zu diesem hübschen Körper - wirklich mein Meisterwerk - gekommen bist?” er legte herausfordernd den Kopf schief.
Dieses Mal konnte sich Jazz nicht zurückhalten. “DU HAST WAS?!” brüllte sie durch die Höhle.
“Hupsie.” murmelte der Geist amüsiert.
“So einfach ist das nicht.”
“Keziah! Du sagst ihr seit Jahren ihre Mutter lebt und du suchst sie! Dabei hast du sie… Warum? Wann? Was?!”
“Maras Mutter hatte sich mit etwas eingelassen was zu groß war um sie handeln zu lassen. Jazz, Ben war schwer verletzt und wir brauchten meinen Geisterpakt, Harlekin und Dr. Jerry Kerrigans Magiernetzwerk und konnten gerade so verhindern, dass etwas in unsere Welt kam dass sie für immer verändert hätte!”
“Ich freue mich schon auf die Arie in der du ihr” Der Geist deutete auf Jazz “einen Vergessens- oder Unterlassenszauber auferlegst und ihr Adept oder Benny ihn entschlüsseln.” Ein gehässiges Lächeln zog sich über Crowleys Gesicht.
“Warum? Warum tust du mir sowas an Aleister?! Ich diene dir seit Jahren mustergültig!”
Der Mann zuckte mit den Schultern. “Meine Liebe… Du hast es immer noch nicht verstanden: Fleischwesen sind mir furchtbar egal. Und das hier ist wirklich unterhaltsam wenn man sonst nur auf der Dämonenebene rumhängt.”
“Dürfte ich eingreifen?” versuchte FiFi Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.
Der Geist taxierte sie mit festem Blick und schwebte dann auf sie zu. “Ausgebrannt? Wie traurig. Lass mich raten: Du willst von meinen nahezu unbegrenzten Manavorräten profitieren um auch wieder… Blitze?”
“Flammen.”
“Ouh. Unschönes Thema im Moment. Aber naja… Flammen aus seinen Händen schießen zu können ist natürlich toll.” Der Mann musterte sie eindrücklicher, trat nochmal näher. Seine Bartstoppeln warfen im roten Licht seines Refugiums kleine Schatten auf seine helle Haut. Dann blitzten seine Augen kurz auf. “Aber nicht so schön wie Blut oder? Die Blutmagie… Sie hat ihre ganz eigene Kraft oder? Verführerisch für eine schwache Psyche. Ich habe gehört das Gefühl soll… überragend sein. Als bestünde man aus reinem Mana. Da ich selbst aus reinem Mana bestehe, kann ich den Reiz nachvollziehen.”
Er legt eine Hand an FiFis Wange und sie spürte einen vertrauten Manafluss unter ihrer Haut. Sie japste auf und der Geist trat einen Schritt zurück. Er schüttelte den Kopf.
“Nein. Nicht so. Wenn du nicht weißt was dein Leben ohne Magie ist, dann brauchst du nicht deine Magie zurück sondern ein anderes Leben meine Liebe. Ich arbeite nicht mit Blutmagiern.”
Tränen der Verzweiflung füllten FiFis Augen. “Was?! Aber… Ich… Wie soll ich… Ich war doch nur ein paar Monate…”
Crowley rollte mit den Augen. “Stammel nicht so. Ich hörte am modrigen Ort bei den Ländern von Zuckerrohr, Tabak und Jazzmusik, der dir gut vertraut ist, gibt es jemanden der Deals mit deinesgleichen macht. Geh ihn suchen. Vielleicht hast du Glück. Aber bei mir? Kein Deal. Aber… Du!”
Jazz die den gesamten Zeitraum über wütend Keziah angestarrt hatte zuckte auf die Ansprache des Geistes zusammen.
“Du… Hast etwas das nach einem Geisterpakt schreit.” Er mustert die Menschin langsam. “In Hinblick auf den krassen Arm und das ich nicht glaube dass du etwas an deinem Aussehen ändern willst rate ich… ein Baby. Bei Menschinnen in deinem Alter geht es eigentlich immer um ein Baby.”
Jazz hatte lange überlegt wonach sie den Geist fragen würde wenn er nach FiFi einen weiteren Pakt eingehen würde. Was sie sich genug wünschte und nicht ohne Hilfe erreichen konnte.
Sie schüttelte den Kopf und der Geist zog die Brauen hoch.
“Ich würde gerne elfisches Alter erreichen. Nicht menschliches. Ich will mit meinem Partner alt werden können ohne Angst haben zu müssen vor ihm zu sterben.”
“Krasses Geschenk zum ersten Jahrestag Jessica.” Crowley verzog anerkennend das Gesicht. “Nun. Ich habe ohnehin eine Elfin in deinem Alter die ihren Pakt gebrochen hat. Es wäre ein leichtes dir ihre Jahre gutzuschreiben.” Er zuckte mit den Schultern. “Elfisches Aussehen auch dazu?”
Jazz schüttelte den Kopf. “Nein ich will nur… Ich will nur mit meinem Partner alt werden können.”
Crowley manifestiert in seinen Händen eine goldene Schriftrolle und eine Feder mit Tinte. “Hach. Die junge Liebe. Herzzerreißend. Hat bei Keziah auch suuuuuper funktioniert” stichelte der Geist erneut. “Kleiner Tipp: Das ist der Zeitpunkt an dem du fragen solltest was dich das Ganze so… kostet. Ich bin weder blau, noch Wohne ich in einer hübschen Lampe. Keine Wünsche ohne Gegenleistung.”
“Was… Was willst du denn? Du meintest das wäre ein sehr kleiner Deal!”
“Ist es zu deinem Glück auch. Hm…” Erneut glitten seine Augen an Jazz hoch und runter. “Du willst mit deinem Partner alt werden ja? Dann machen wir folgendes: wir zocken. Stirbt dein - sehr risikofreudiger - Adept vor dir, kommst du in meinen Dienst. Du leistest mir Abbitte. Wirst quasi meine persönliche kleine Assistentin auf meiner Ebene. Die Dämonen werden dich mögen. Stirbst du vor deinem Partner… Bist du fein raus! Fairer Deal oder?”
Jazz dachte kurz nach. Für normale Metas war das ein verlockend guter Deal… Für Runner? Wie sollte Holliday je wieder beruflich auf sich schießen lassen wenn sein Tod bedeutete, dass sie in einen Geisterdienst tritt?
“Wie… Wie ist das mit Fruchtbarkeit? Bekomme ich auch elfische Fruchtbarkeit dazu? Zum Alter?”
Ein fieses Grinsen zog sich über Crowleys Gesicht. “Sag ich doch. Immer sind es die Babys.” Er zuckte mit den Schultern. “Von mir aus. Kostet mich ja nichts.”
Jazz überkam plötzlich eine tiefe innere Unruhe.
“Ich… Hör zu. Tolles Angebot. Aber ich muss das mit meinem Partner besprechen. Ich… Ich kann sowas nicht ohne ihn entscheiden.”
Crowley zog einen Schmollmund und zauberte dann die Schriftrolle und die Feder weg. “24 Stunden steht mein Angebot. Ich würde mich beeilen. Ladies? Sonst noch was?”
Die Frauen blieben stumm und der Geist verschwand.
Den gesamten Rückweg blieben die vier ruhig. Stiegen in ihre Autos und verließen den Parkplatz.
Stetig brachte Keziahs roter Kombi die beiden zurück in Richtung Hub.
“Wirklich? Ihre Mutter?”
Von Keziah kam keine Reaktion.
“Und du lügst sie all die Jahre einfach so an? Wieso?”
“Damit sie bei mir bleibt.” Sagte Keziah ruhig.
“Sie liebt dich als wärst du ihre Mutter. Keziah sie würde doch nie…”
“DU WEIßT NICHT wo sie und ich durch sind Jazz. Du kennst sie zahm und kontrollierbar. Das in der Gasse mit Chloe Pierce, das war GAR nichts. Ich brauchte einen Grund warum sie sich nicht von mir losreißt und Hals über Kopf ins verderben stürzt! Wenn das alles hier vorbei ist will ich mit ihr reden.”
“Wie oft hast du dir das schon gesagt Keziah?”
Der Blick der ehemaligen Elfe richtete sich auf den Boden. “Zu oft… Du wirst ihr nichts sagen ja? Ich mache das.”
“Keziah ich weiß nicht ob ich das für mich…”
Als die Auffahrt zum Hub wieder sichtbar wurde erreichte Jazz eine SMS:
“Es tut mir super leid Jessi, aber ich hab Holliday gesagt wo ihr seid. Er hat sich echt Sorgen gemacht. Jetzt ist er super wütend und wartet in eurem Wohnmobil auf dich. Er packt irgendwas… Ich… Bitte… Es tut mir leid…”
Laut schlägt Jazz ihren Hinterkopf gegen die Nackenstütze.
Der Kampf gegen Ashe kam ihr plötzlich nicht mehr wie der größte vor den sie zu kämpfen hatte.